Projekt "leave a trace" - Kunst trifft Wissenschaft

Die Arbeit "leave a trace" ist eine interaktive Installation, die die Bewegungen der Besucherinnen und Besucher des Lichthofs im Lehr- und Forschungsgebäude Charité Cross Over in bewegte Linien auf einem LED-Bildschirm in ein täglich wechselndes individuelles Gesamtbild verwandelt.

Bei "leave a trace"stehen die Nutzer des Gebäudes als Akteure im Mittelpunkt des Geschehens.

Die Bewegungen der Besucher im Lichthof des Charité Cross Over (CCO), Campus Charité Mitte/Geländeadresse: Virchowweg 6, werden mit einer Kamera aufgezeichnet und zu einer Linie transformiert, die auf einem Screen sichtbar wird. Die Besucher können sich als Erzeuger der Linie erkennen und wahrnehmen, wie sie sich in der Architektur bewegen. Sie können ihre Spuren durch ihre Aktionen modifizieren.

Durch das Verblassen der Spuren erscheint ein Zeitfaktor in der Aufzeichnung: frische Spuren sind intensiv und bleichen kontinuierlich aus.

Die zeitabhängigen Farbunterschiede der Spuren erzeugen ein räumliches Gesamtmuster, welches sich über den Tag hinweg kontinuierlich verändert. Um Null Uhr wird die letzte Version des Tagesbildes gespeichert. Die Strichfarbe wird zur Hintergrundfarbe des neuen Tages.

"Leave a trace" erscheint in Echtzeit auf dieser Webseite. Die Software für das Erzeugen der Spuren ist täglich von 9-15 Uhr aktiv.

LEAVE A TRACE

Art meets Science at Cross Over – ein transdisziplinäres Projekt

Die interaktive Arbeit "leave a trace" wurde für das Hirnforschungszentrum konzipiert und bezieht sich auf die dortigen Arbeitsprozesse und Inhalte.

"Leave a trace" zielt auf die Sensibilisierung der Wahrnehmung. Der Betrachter erkennt sich als Erzeuger und Bestandteil der Aufzeichnung. Er begreift, dass er nicht außen vor positioniert sondern ein integrativer Teil der Gesamtsituation ist und sich variabel verorten kann. Er betrachtet die Spuren anderer, aber auch er wird gesehen und hinterlässt selbst eine Spur, die wiederum von anderen wahrgenommen wird. Seine Aktionen verändern das Gesamtbild.

Das kreative Potential des Beobachters und Akteurs wird geweckt, die Arbeit regt zu Kommunikation und Kooperation an. "Leave a trace" birgt zugleich einen anregenden wie auch entspannenden Effekt. Die Offenheit ihrer interaktiven Nutzung schafft Freiräume, erweitert die Wahrnehmung, wird immer wieder neue, überraschende Ergebnisse aufzeigen, sich mit den Aktivitäten der Nutzer ändern, diese wiederspiegeln und zur Erforschung neuer Wege, Varianten und Anwendungen animieren.

Neben der räumlichen Komponente wird der Betrachter zusätzlich für zeitliche Prozesse sensibilisiert. Er befindet sich zum Zeitpunkt der Wahrnehmung der Spuren im Lichthof und betrachtet seine unmittelbare Vergangenheit. Auch wird er sich bewusst, dass er ein Ziel und eine Zukunft hat (sofern er nicht für alle Zeiten im Lichthof zu verbleiben gedenkt). Durch ein allmähliches Verblassen der gezogenen Spur wird die zeitliche Komponente in "leave a trace" integriert und wahrnehmbar.

So führt "leave a trace" zu einer Sensibilisierung und Verortung des Betrachters in Raum und Zeit. Leave a trace repräsentiert in spielerischer und kreativer Form die wissenschaftlichen Inhalte und Methoden und wirkt identitätsstiftend für das CCO Institut.

Die Erfahrung und Auseinandersetzung mit "leave a trace" wird sich auch bei einmaligen Besuchern wie Kongressteilnehmern einprägen, denn bekanntlich hinterlassen keine Aktionen nachhaltigere Spuren als diejenigen, die man selbst aktiv geschaffen hat.

Bezug zur Wissenschaft

Kognitive Prozesse beruhen auf dem Erzeugen, Hinterlassen und Abrufen einer Spur. Durch neuronale Verknüpfungen bahnt sich die Information einen Weg. Jede Erfahrung hinterlässt eine Spur, die umso stabiler, nachhaltiger und schneller ist, desto häufiger sie genutzt wird. Selbstwahrnehmung, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernprozesse, kognitive Leistungen, Erlebnisverarbeitung und Erinnerung beruhen auf diesem grundlegenden Prinzip des Erzeugens von Spuren.

Wenn dieses Prinzip gestört oder unterbrochen ist, beispielsweise bei Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder den Folgen eines Hirnschlages, können tradierte Spuren nicht mehr abgerufen werden. Mitunter ermöglicht die Plastizität des menschlichen Gehirns mitunter die Bildung neuer Verknüpfungen; neue Pfade entstehen, neue Spuren werden hinterlassen. 

Die Teams des NeuroCure Exzellenzclusters erforschen zerebrale Prozesse aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenste Weisen und sind damit den Phänomenen des Hinterlassens einer Spur auf der Spur.

Bezug zu wissenschaftlichen Methoden

"Leave a trace" bezieht sich auf die wissenschaftlichen Methoden der Aufzeichnung, Transformation und Sichtbarmachung von Phänomenen, Situationen und Daten. Unterschiedlichste bildgebende Verfahren werden zur Diagnostik und Forschung eingesetzt: zum Monitoring des Fortschritts eines Genesungsprozesses bzw. einer Erkrankung, zur Prüfung der Wirksamkeit eines Medikamentes bzw. einer Therapie, zur Messung von Aktivitäten in bestimmten Hirnarealen, zur Beobachtung von Laborszenarien oder Aufgabestellungen im Bereich der Grundlagenforschung oder zur Darstellung von Wirkungsmechanismen im Nanobereich. Neue mikrobiologische Techniken des Live-Cell-Imaging tracen zelluläre und intrazelluläre Prozesse wie das Wachstum lebender Zellen. Aktuelle Forschungsansätze erproben interaktive bildgebende Verfahren auch für den therapeutischen Einsatz bei Patienten mit Neglect oder Alzheimer. Diese Methoden, Ziele und Ansätze finden sich in den verschiedenen Teams des Exzellenzclusters NeuroCure wieder.

Umsetzung und Technik

"Leave a trace" ist eine interaktive Arbeit, die im Lichthof auf einen Screen zwischen den Säulen 4 und 5 der östlichen Längsfront präsentiert wird. Im fünften Stock zwischen Säule 4 und 5 befindet sich eine Kamera. Sie erfasst aus der Vogelperspektive die Bewegungen und sendet die Bilder an einen Rechner. Die vom Team Reulke (siehe auch Making of) entwickelte Software definiert die Grundfläche des Lichthofs als Hintergrund, und identifiziert ab einem gewissen Mindestradius ein bewegtes Volumen als Blob. Aus der Differenz zweier aufeinander folgender Bilder wird die Bewegung des Blobs errechnet. Diese Änderungen werden als Linie grafisch umgesetzt, an den Screen gesendet und auf der Monitorfläche sichtbar. Auf diese Weise werden die Bewegungen der Besucher im Lichthof dargestellt. Die Spuren bleichen über die Dauer eines Tages aus; um 0 Uhr steht ein neuer Hintergrund für den kommenden Tag bereit. 

"Leave a trace" verfügt über 365 Kombinationen von Hintergrundfarbe mit Linienfarbe. 

Die Strichfarbe des Tages wechselt um Null Uhr zur Hintergrundfarbe des folgenden Tages. Da bei einer großen Anzahl von Traces der Screen je nach Strichstärke an einigen Stellen komplett gefüllt sein kann, ergibt sich so ein ästhetischer Übergang zum nächsten Tag: eine übergreifende und nachvollziehbare visuelle Kontinuität entsteht von Tag zu Tag. Die täglich wechselnden Farbkombinationen, die wechselnde Strichstärke und das Verblassen der Spuren und deren Überlagerungen lösen unterschiedliche, aber tagesspezifische Bildwirkungen aus. Die Farbabfolgen sind für eine Woche konzipiert. Am Sonntag erfolgt die Wahl einer neuen Farbreihe randomisiert. Auf diese Weise entstehen immer neue Farbreihen für die Folgejahre. 

Datenschutz

Die Bilderfassung der Kamera erfolgt aus der Vogelperspektive. Dies bedeutet, dass aus dem Bildmaterial keine individuellen Details abgeleitet werden können. Das Bildmaterial bleibt lediglich für ca. 500 msec im Buffer und wird nach der Umrechnung in eine Linie überschrieben.

Die Farbspuren können zu keinem Zeitpunkt ihrem Erzeuger zugeordnet werden.

Ein Schild macht auf die Einbeziehung der Kamera aufmerksam. Der Besucher des CCO hat die Wahl, den Lichthof zu betreten und eine Spur zu hinterlassen, oder die jenseits der Säulen verlaufenden Gänge zu benutzen, wo seine Bewegungen nicht erfasst werden.